Liebe(r) ohne Seitensprung
Neue Kolumne von Prof. Dr. Manfred Hassebrauck
Manfred Hassebrauck, Professor für Sozialpsychologie an der Bergischen Universität Wuppertal, ist wissenschaftlicher Berater von FriendScout24. Einmal im Monat berichtet er zudem in seiner Kolumne im FriendScout24-Magazin direkt über seine Forschungen zum Thema Paarbeziehungen. Spannend, verständlich und anwendbar.

Gegen Ende des letzten Jahrhunderts machten die Biologen Robin Baker und Mark Bellis eine bemerkenswerte Entdeckung: Die männlichen Spermien, von denen man bis dahin annahm, dass ihre einzige Aufgabe darin bestünde, weibliche Eizellen zu befruchten, bestehen genau gesehen aus zwei unterschiedlichen Typen. Es gibt einmal Spermien, die nichts anderes “wollen”, als zu einer gereiften Eizelle zu gelangen und diese zu befruchten. Im Samen von Männern haben Baker und Bellis aber noch einen ganz anderen Typus von Spermien gefunden – Kamikaze- oder Killerspermien, deren einzige Aufgabe es ist, Fremdsperma im Vaginaltrakt einer Frau zu töten. Diese Killerspermien sehen schon unter dem Elektronenmikroskop ganz anders aus als die “egg getter” genannten Befruchter. Die Killer haben Haken an den schwanzähnlichen Verlängerungen, mit denen sie sich zu nahezu undurchdringlichen Verteidigungsringen zusammen schließen können. Diesen Ring können nur die eigenen Befruchter durchdringen. Fremdsperma wird abgehalten – und getötet. Krieg der Spermien nennen das Baker und Bellis.
Seitensprünge – so alt wie die Menschheit selbst
Warum sollte die Natur die Entwicklung einer so aufwendigen Konstruktion begünstigen, wenn doch für die Fortpflanzung eine Art von Spermien ausreicht? Deswegen, weil Seitensprünge so alt wie die Gattung Mensch sind, so die Antwort der Wissenschaftler. Und so ist es nicht verwunderlich, dass heutzutage in ungefähr jeden dritten Beziehung zumindest einmal ein Seitensprung vorgekommen ist – so viele Personen geben es zumindest zu. Vermutlich ist die wahre Zahl höher.
Kuckuckskinder nicht so selten
Kuckuckskinder sind daher auch gar nicht so selten. Die Zahlen schwanken stark. Zwischen 0,7 Prozent und 15 Prozent liegt der Anteil von untergeschobenen Kindern. Meist kommt das auch nur per Zufall zu Tage, etwa wenn ein Kind operiert werden muss und die Eltern Blut spenden sollen und die Blutgruppe des Kindes inkompatibel zu der des Vaters ist, oder aber, wenn der Vater seine Vaterschaft anzweifelt und eine DNA-Analyse in Auftrag gibt. In diesem Fall liegt die Quote der entdeckten unterschobenen Kinder sogar bei 25%. Das Problem bei dieser Zahl ist allerdings, dass Väter, die eine DNA-Analyse in Auftrag geben, es meist nicht ohne Verdacht tun. Das führt daher zu deutlich erhöhten fehlerhaften Schätzungen.
Wie kommt es zum Seitensprung?
Wovon hängt es ab, ob es zum Seitensprung kommt? Gibt es besonders kritische Phasen in der Beziehung, in denen die Gefahr besonders groß ist? Kann es jede Beziehung treffen oder sind manche besser davor geschützt?
Kritische Phasen im zeitlichen Sinn gibt es nicht. Seitensprünge gibt es Anfang einer Beziehung genau so wie nach vielen Jahren. Mir persönlich ist ein Fall bekannt, bei dem die Braut schon am Tag ihrer Hochzeit fremd gegangen ist. Ausschlaggebend für Seitensprünge ist vielmehr die Zufriedenheit mit der Beziehung. Ist man unzufrieden, steigt die Wahrscheinlichkeit – allerdings nicht bei allen Menschen gleichermaßen. Manche neigen eher zum Fremdgehen, wenn sich eine Gelegenheit ergibt, andere weniger. Affärenorientierung nennen wir das in der Forschung, wobei wir immer wieder feststellen, dass Männer – wen wundert’s – affärenorientierter als Frauen sind. Dass sich trotzdem Männer und Frauen nur unwesentlich in der Häufigkeit von Seitensprüngen unterscheiden, liegt daran, dass eben immer zwei dazu gehören. Männer werden in der Umsetzung ihrer Wünsche von den Frauen gebremst.
Verdächtigungen erzeugen Negativspirale
Manchmal hat man so ein komisches Gefühl und befürchtet, dass der Partner oder der Partnerin untreu gewesen ist. Plötzlich kümmert er sich viel mehr um sein Aussehen, geht ins Fitness-Studio und macht häufiger Überstunden. Leicht entsteht durch diese Verdächtigungen eine negative Spirale. Man spioniert dem Anderen nach, engt ihn oder sie mehr ein oder versucht, die Gelegenheiten zum Fremdgehen zu minimieren. Das bleibt allerdings meist nicht ohne Folgen für einen selbst und die Beziehung. Verdächtigende Eifersucht (wie man diese Form der Eifersucht im Unterschied zur reaktiven Eifersucht nennt, die die Reaktion auf tatsächliche Untreue ist) macht nicht nur einen selbst unglücklich sondern untergräbt das wechselseitige Vertrauen, das eine ganz wesentliche Basis für eine glückliche Beziehung ist – und kann dadurch letztlich dazu führen, dass der Partner wirklich fremdgeht. Statt Detektiv zu spielen, sollte man einen Verdacht lieber direkt ansprechen. Denn oft erweist er sich als völlig unbegründet.
Kann denn ein Seitensprung nicht auch positive Effekte haben?
Das meinen vor allem die Seitenspringenden. Der Handelnde sieht die negativen Konsequenzen des eigenen Tuns weniger negativ als der Betroffene, gibt es doch genügende Rechtfertigungen und Erklärungen. Leicht wird dann übersehen, wie verletzt der andere sich fühlt und dass oft auch dessen Selbstwertgefühl leidet (womit übrigens wieder das Risiko steigt, das der Betroffene selbst untreu wird). Auch als harmlos angesehene Seitensprünge stellen eine Belastung für eine Beziehung dar, die nicht von allen Paaren gleichermaßen gut bewältigt werden dann. Nicht zufällig ist daher auch Untreue – entgegen manchmal anders lautenden Mitteilungen in ,der Boulevardpresse – der häufigste Trennungsgrund. Deswegen “Lieber ohne Seitensprung”!
Bisherige Kolumnen von Prof. Dr. Hassebrauck
- August 2008: Romantische Männer und realistische Frauen?
- September 2008: Wenn der Funke (nicht) überspringt
- Oktober 2008: Beziehungen tun gut
- November2008: Gefährliche Wünsche
- Dezember2008: Wenn die Leidenschaft nachlässt…
- Januar 2009: Verliebte frieren weniger
- Februar 2009: Trennung am Valentinstag
- März 2009: Beziehungsmythen
- April 2009: Geld und Liebe
- Mai 2009: Über Singles und Paare
- Juni 2009: Trag Rot
- Juli 2009: Online-Dating
- August 2009: Suchen Männer jüngere Frauen?
- September 2009: Macht Liebe blind?
- Oktober 2009: Der leidenschaftliche Kuss
- November 2009: Let’s talk about Sex
- Dezember 2009: Zufriedenheit ist relativ
- Januar 2010: Der Nutzen guter Vorsätze
- Februar 2010: Wer ist am schönsten?
Prof. Dr. Hassebrauck im Interview
Neben seinen Forschungsthemen kennt Prof. Hassebrauck als Beziehungsexperte und Autor zahlreicher Bücher natürlich auch einige Tipps, die FriendScout24-Mitgliedern in konkreten Flirtsituationen weiterhelfen können. Wir haben uns mit dem 55-Jährigen unterhalten. Im Gespräch beschrieb uns Prof. Hassebrauck wichtige Erkenntnisse seiner wissenschaftlichen Arbeit, erklärte die Bedeutung, die Online-Dating als neue Form der Partnersuche hat, und verriet uns sein ganz persönliches Geheimrezept für eine erfolgreiche Partnerschaft.



[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von FriendScout24 erwähnt. FriendScout24 sagte: Mag die Verlockung noch so groß sein, unser wissenschaftlicher Experte empfiehlt: Fremdgehen? Lieber nicht! http://bit.ly/asHwrj [...]
[...] sind. Heute schreibt Professor Hassebrauck über Untreue, Kuckuckskinder und die Tatsache, dass Seitensprünge häufig Konflikte auslösen – wenn sie nicht gar zu Trennungen und Scheidungen [...]